Das Material

Bruch hat seinen LSA, nach seiner Aussage im Ms. "auf Grund der 1925-1939 von der sprachwissenschaftlichen Sektion des Großherzoglichen Instituts in Luxemburg eingeforderten indirekten und den 1946-1947 vorgenommenen eigenen Aufnahmen des Wenkertextes 1948 gezeichnet" [8]. Er hat auf einer besonderen Karte (s. Karte 1) die Belegorte vermerkt. Diese Karte enthält auch eine Angabe der Orte, die von John Meier im Jahre 1885 erfaßt wurden [9]. Das Material von Meier kam später nach Marburg in das DSA-Archiv. Bruch bezeichnete die Belegorte der Sammlung Meiers - von der schon 1927 gesagt wurde, daß sie "bereits urkundlichen Wert besitzt" [10] - auf seiner Karte als "Belegorte des Deutschen Sprachatlas". Das DSA-Material enthält Belege für 325 [11], das Material des vorliegenden Bandes für 375 Orte [12].

In 295 Fällen überschneiden sich die beiden Materialquellen, so daß Bruch bei fast jeder Karte [13] über die Möglichkeit verfügte, zu untersuchen, ob in etwa einem halben Jahrhundert sich sprachgeographische Verschiebungen vollzogen hatten oder nicht [14]. Auf verschiedenen Karten hat er, zusammen mit den Isoglossen des Materials aus den Jahren 1925-1947, auch die DSA-Isoglossen eingetragen.

Auch die schriftliche Sammlung des siebenbürgischen Germanisten Richard Huss aus der Mitte der zwanziger Jahre (ebenfalls Wenkersätze) [15], wovon "eine Abschrift der luxbg. Sprachgesellschaft verblieb" [16], hat Bruch gelegentlich benutzt. Aus diesem Material hat er oft Angaben, die in der Umgebung eine Sonderstellung einnehmen oder aber von den Belegen des Großherzoglichen Instituts abweichen, in seinen Karten aufgenommen, mit der Anmerkung "Huss" oder "H". Weiter nahm er auch zuweilen von dem erwähnten Material abweichende Angaben aus den Monographien von Keiffer, Bertrang und Palgen in seinen Karten auf. Die Verweise auf die Belege von Huss, Keiffer, Bertrang und Palgen wurden im vorliegenden Band beibehalten.

Das Material, das Bruch in direkter Aufnahme persönlich sammelte um die indirekten Aufnahmen des großherzoglichen Instituts zu überprüfen und ergänzen, hat er, nach einer freundlichen persönlichen Mitteilung seiner Gattin, teilweise an Ort und Stelle, teilweise auch aus dem Munde von Schülern am Knabenlyzeum in Luxemburg aufgezeichnet. Vgl. auch GRUNDLEGUNG 104.

Die vierzig Wenkersätze haben folgenden Wortlaut:

1. Im Winter fliegen die trockenen Blätter in der Luft herum. - 2. Es hört gleich auf zu schneien, dann wird das Wetter wieder besser. - 3. Tu Kohlen in den Ofen, daß die Milch bald an zu kochen fängt. - 4. Der gute alte Mann ist mit dem Pferde durch's Eis gebrochen und in das kalte Wasser gefallen. - 5. Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben. — 6. Das Feuer war zu stark, die Kuchen sind ja unten ganz schwarz gebrannt. — 7. Er ißt die Eier immer ohne Salz und Pfeffer. - 8. Die Füße tun mir sehr weh, ich glaube, ich habe sie durchgelaufen. - 9. Ich bin bei der Frau gewesen und habe es ihr gesagt, und sie sagte, sie wollte es auch ihrer Tochter sagen. - 10. Ich will es auch nicht mehr wieder tun. - 11. Ich schlage dich gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, du Affe! - 12. Wo gehst du hin, sollen wir mit dir gehen? - 13. Es sind schlechte Zeiten! — 14. Mein liebes Kind, bleib hier unten stehn, die bösen Gänse beißen dich tot. - 15. Du hast heute am meisten gelernt und bist artig gewesen, du darfst früher nach Hause gehen als die ändern. - 16. Du bist noch nicht groß genug, um eine Flasche Wein auszutrinken, du mußt erst noch etwas wachsen und größer werden. - 17. Geh, sei so gut und sag' deiner Schwester, sie solle die Kleider für eure Mutter fertig nähen und mit der Bürste rein machen. - 18. Hättest du ihn gekannt! dann wäre es anders gekommen, und es täte besser um ihn stehen. - 19. Wer hat mir meinen Korb mit Fleisch gestohlen? - 20. Er tat so, als hätten sie ihn zum Dreschen bestellt; sie haben es aber selbst getan. - 21. Wem hat er die neue Geschichte erzählt? - 22. Man muß laut schreien, sonst versteht er uns nicht. - 23. Wir sind müde und haben Durst. - 24. Als wir gestern abend zurück kamen, da lagen die ändern schon zu Bett und waren fest am Schlafen. - 25. Der Schnee ist diese Nacht bei uns liegen geblieben, aber heute morgen ist er geschmolzen. - 26. Hinter unserm Hause stehen drei schöne Apfelbäumchen mit roten Äpfelchen. - 27. Könnt ihr nicht noch ein Augenblickchen auf uns warten, dann gehen wir mit euch. - 28. Ihr dürft nicht solche Kindereien treiben. - 29. Unsere Berge sind nicht sehr hoch, die euren sind viel höher. - 30. Wieviel Pfund Wurst und wieviel Brot wollt ihr haben? - 31. Ich verstehe euch nicht, ihr müßt ein bißchen lauter sprechen. -32. Habt ihr kein Stückchen weiße Seife für mich auf meinem Tische gefunden? - 33. Sein Bruder will sich zwei schöne neue Häuser in eurem Garten bauen. - 34. Das Wort kam ihm vom Herzen! - 35. Das war recht von ihnen! -36. Was sitzen da für Vögelchen oben auf dem Mäuerchen? - 37. Die Bauern hatten fünf Ochsen und neun Kühe und zwölf Schäfchen vor das Dorf gebracht, die wollten sie verkaufen. - 38. Die Leute sind heute alle draußen auf dem Felde und mähen. - 39. Geh nur, der braune Hund tut dir nichts. - 40. Ich bin mit den Leuten da hinten über die Wiese ins Korn gefahren.

Der Wenkertext ist durch Huss um folgende vier Sätze erweitert worden:

41. Die Hirten haben die zwei Herden Schweine in den Pferch getrieben. - 42. In unserer Scheune haben wir am Freitag Hanf und Flachs versteckt. - 43. Unser Pfarrer hat am Dienstag einen Hengst gekauft. - 44. Der Mond scheint hell.

Die Karten Hengst (29), Hirten (54), Mond (93), zwei (Fem.) (96), Freitag (109), gekauft (145) und Dienstag (154) gehören diesem Text an.

Es gibt ziemlich viele Karten mit einzelnen Angaben auf Nummern, die Bruch nicht als Belegorte gekennzeichnet hat. Wir müssen wohl annehmen, daß Bruch an diesen Orten ergänzende Umfragen gehalten hat, wobei nur einige Wörter oder Sätze abgefragt wurden. Falls er dort den ganzen Wenkertext abgefragt hätte, würde er sie sicher als Belegorte angedeutet haben. Wir wissen darüber aber nichts Näheres [17].

Man darf grundsätzlich annehmen, daß Bruch für alle als Belegorte gekennzeichneten Ortschaften über vollständige Aufnahmen des Wenkertextes verfügte. Trotzdem muß bemerkt werden, daß ab und zu Belegorte auf Karten, wo sie in Gebieten liegen, deren Angaben offenbar für jeden einzelnen Ort eingetragen sind, im Ms. nicht mit einem Zeichen versehen sind. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um versehentliche Auslassungen. Dennoch haben wir vorsichtshalber in diesen Fällen die kleinen Lücken offengelassen.

Die Grenzen des Untersuchungsgebietes fallen im Osten und Süden mit der luxemburgischen Staatsgrenze zusammen. Nur für einen Ort außerhalb dieser Grenze hat Bruch ziemlich regelmäßig Belege eingetragen: Contz (-les-Bains). Diese Angaben zeichnete er rechts vom Südostzipfel des Großherzogtums ein. Es handelt sich hierbei offenbar nicht um Konz am Zusammenfluß von Mosel und Saar, sondern um (Ober- und Nieder-)Kontz nördlich der letzten Einbuchtung der Mosel vor der französisch-luxemburgisch-deutschen Dreiländerecke. Da diese Belege für die Deutung der Kartenbilder nicht wesentlich sind, haben wir sie weggelassen, wie übrigens auch Bruch selber in seinen veröffentlichten Karten immer getan hat.

 


[8] Wörter, die innerhalb der Grenzen des Großherzogtums keine wesentlichen Lautvarianten aufweisen, hat Bruch nicht zu Karten verarbeitet.

[9] Meier fragte die Wenkersätze ab zur Lokalisierung seiner JOLANDE VON VIANDEN (Germ. Abhandlungen VII), Breslau 1889.

[10] HUSS, STUDIEN, 5.

[11] Bei der Bezeichnung der DSA-Belegorte unterlief Bruch ein Irrtum: das DSA-Material enthält keinen ausgefüllten Fragebogen für 120 Hoscheid, aber wohl einen für 111 Hoscheiderdickt. Der Kreis um 120 im Ms. wurde deshalb nach 111 versetzt. Drei Orte mit DSA-Material, 108 Alscheid, 109 Consthum und 510 Trintingen, wurden von uns mit einem Kreis versehen. In zwei Fällen setzte Bruch den Kreis zwischen zwei Orte, offenbar weil er nicht mit Gewißheit entscheiden konnte, welcher dieser beiden Orte auf dem DSA-Fragebogen gemeint war: zwischen 218 Ospern und 220 Reichlingen (der Fragebogen wurde ausgefüllt für "Ospern-Reichlingen") und zwischen 232 Berg (Mersch) und 233 Colmar (der Fragebogen wurde ausgefüllt für "Berg-Colmar"). Auf der vorliegenden Karte 1 wurde auf dieselbe Weise verfahren.

[12] Nach Bruchs Zeugnis im Ms., in GRUNDLEGUNG, 104 und NORDÖSLING, 1. Eine Nachprüfung der Karte im Ms. ergab jedoch, daß nur 370 Belegorte eingetragen waren. Aus einem Vergleich mit den einzelnen Karten wurde deutlich, daß die folgenden sechs Nummern versehentlich nicht als Belegorte bezeichnet waren: 10, 35, 318, 375, 414 und 463. Anderseits war offensichtlich 33 Deiffelt irrtümlich als Belegort eingetragen. Wir haben die Karte dementsprechend berichtigt.

[13] Nicht bei den sieben Karten, die den Sätzen 41-44 angehören. Vgl. unten.

[14] Obwohl man die beiden Sammlungen nur unter Vorbehalt vergleichen kann, weil die zweite Umfrage sich über etwa 15 Jahre erstreckte und sie außerdem noch viel später durch mündliche Befragungen ergänzt wurde. Die Karten ergeben also kein rein synchronisches Bild der sprachgeographischen Wirklichkeit. Bruch nannte übrigens selber zweimal das Material des Großherzoglichen Instituts "diese ... wegen des zeitlichen Abstandes der einzelnen Beantwortungen unter Umständen zu beanstandenden ... Ergebnisse" (NORDÖSLING, 1 und GRUNDLEGUNG, 104).

[15] HUSS, STUDIEN, 5.

[16] JOST, a.a.O., 48.

[17] Es ist denkbar, daß ein relativ kleiner Teil dieser Angaben aus Versehen auf eine unrichtige Nummer gesetzt wurde. Weil Bruch sein mündliches Material nicht aufbewahrt hat, war dies nicht nachzuprüfen.